Bilder über unser In-die-Welt-Geworfensein

Eva Kunze verknüpft in ihrer Malerei innere und äußere Stimmungen

Ein Werk aus diesem Jahr trägt den Titel „Crisis“, Krise, und verweist mit düsterem Hintergrund auf die gegenwärtige Situation, in der wir von außen in Bedrängnis und Isolation geraten sind. Ein weiteres von 2020 zeigt eine aus dem Hellen hervortretende, unbekleidete weibliche Figur, die sich in Verwandlung zu befinden scheint. „Wessen Welt ist die Welt?“, ruft eine andere, grellgrüne, nur angedeutete Figur.

Eva Kunze setzt sich mit dem Prozess des Seins und Werdens auseinander. Assoziativ nähert sie sich unserer Existenz – sie stellt Bezüge zum klassischen Porträt her und verfolgt digitale Strategien. Meist benutzt die Künstlerin, die in Eurasburg bei München lebt, für ihre Motive Öl auf Leinwand, aber auch Alu-Dibond oder Holz dienen ihr als Bildträger. Ihr expressiver Stil lässt eine Dynamik entstehen, Körper in innerem Aufruhr charakterisieren ihre Bilder – und eine mythologische Stimmung: Frau mit Wolf taucht beispielsweise als Motiv auf – , als tauche man in Träume oder in das Unbewusste ein wie in der analytischen Psychologie. Die Spaltung von Mensch und Natur wird hier rückgängig gemacht, sie verschmelzen, Verdrängtes tritt hervor – Unerwartetes und Unheimliches – und immer pocht dabei laut das große Herz – ein wiederkehrendes Element in Kunzes Werk, dem sie eine eigene Bildserie widmete und auch als Objekte aus blauem oder schwarzem Wachs in praller Form die bedeutende Rolle zuweist. Das Herz, das Leben an sich bedeutet und nach Verbundenheit strebt. Wer sind wir? Und wie finden wir zueinander? Eva Kunze verknüpft die innere Welt und deren in Bewegung befindliche Zustände und nicht greifbare Emotionen mit den aus dem Alltag aufgenommenen Erlebnissen, Eindrücken und gesellschaftlichen Themen.

Mit ihrem dynamischen Pinselstrich folgt sie oft den Körpergrenzen ihrer abgebildeten Figuren, verwischt und löst sie teilweise auf. Auch Geschlechtergrenzen drohen zu verschwimmen. Die oft einfarbigen Hintergründe unterstreichen das Analytische ihrer Arbeitsweise; das Subjekt wird hier zur Anschauung in den Vordergrund gestellt und empathisch untersucht.

Die Inspiration für ihre in sich abgeschlossenen Serien erhält die Künstlerin aus Magazinen – im Mittelpunkt steht oft die Frau, und wie sie sich ihre Bestimmung sucht: „Ich bin nicht das, was du glaubst.“ In Kunzes vorangegangener Serie „Identity“ (Identität) war das Spiel mit den Rollen zentral. Ein Fashion-Stil der Figuren ist hier augenscheinlich, die weiblichen Figuren verbinden sich gegenseitig mit Herz und Kopf oder sie schlüpfen an anderer Stelle in Tierkleider; sie bedecken und entblößen sich, um sich von allen zugeschriebenen Erwartungen lossagen zu können. Identität als Performance, die selbstbewusst vollzogen wird, um neue, eigene Bilder vom Selbst zu entwerfen und zu etablieren.

Das Format der Leinwände erstreckt sich bis zu zweieinhalb Metern; die pastellfarbene Ausgestaltung unterstützt das oft Schemenhafte der Motive. Nichts ist konsistent, das Ich so flüchtig wie eine Fantasie.
Bezüge zu aktuellen politischen Ereignissen gibt es immer wieder: Hinter mehreren Farbstreifen schält sich etwa das Porträt der Flüchtlingsaktivistin Carola Rackete heraus. Eine geflüchtete Frau tritt woanders als übergroße und selbstgewisse Amazone auf.

Zu ihrer figurativen Malerei hat sich Eva Kunze aus der Abstraktion hin entwickelt. Wenn eine Werkserie vollendet ist, folgt eine weitere, eigenständige, und das neue Thema bestimmt den weiteren Ablauf. Die verschiedenen Bildträger zeugen von einem Interesse an der Beschaffenheit des jeweiligen Werkstrangs.

Für ihre Serien „verhüllt-enthüllt“ und „Identity“ verwendete Kunze Projektionen und Übermalungen auf Leinwand, die sie digital einspeiste, bearbeitete und als C-Prints auf Fotopapier unter Acrylglas präsentiert. Auch hier sind es oft weibliche Porträts, verschleierte Figuren, die wie eingehüllt wirken, aber auch immer eine emanzipatorische Konnotation aufweisen, einen Wandel in ein selbstbestimmtes Sein und Agieren implizieren. Die digitale Verarbeitung verstärkt die fotografische Ästhetik, es entstehen intensiv skalierte Kompositionen, teilweise wirken die Arbeiten wie Negative. Fotografie verwendet Kunze auch in aktuellen Werken als Collage auf Leinwand; ihre Übermalungen fungieren wie Ergänzungen oder Kommentare, die die Vorlagen zu den mythischen Stimmungsbildern machen. Bei diesem Umgang mit Foto und Malerei wird das vorgefundene Bild aus den Massenmedien untersucht und Sehgewohnheiten von standardisierten Bildern des Weiblichen aufgebrochen – und in Kunzes fiktional anmutenden, emotionalen Bildraum erweitert.

Das Digitale und die Aneignung von vorgefundenen Fotografien sind zudem ein Verweis zum zeitgenössischen Umgang mit dem Bild. In einer Welt voller Konflikte und voller digitaler Bilder, in der der Einzelne und insbesondere die Künstler und Künstlerinnen gefordert sind, den eigenen Platz immer wieder zu definieren, werden die bereits existierenden Bilder zu Komplizen, um sich zu verorten und von dort aus die eigenen Erzählungen in Gang zu setzen.

Eva Kunzes Werkstränge bauen also formal und inhaltlich aufeinander auf und greifen ineinander – und sie wirken eben wie konzentrierte Forschung zum In-die-Welt-Geworfensein, wie es Heidegger nannte, der Unausweichlichkeit unseres Daseins. Ungefragt werden wir in etwas hineingeboren und erfahren von vornherein Grenzen der Entfaltungsmöglichkeit.

Konstantin Alexiou, Journalist und Kunstmarkt-Reporter, 2020.

About the art of Eva Kunze

Through her masterly handling of colour and her photographic skills, German artist Eva Kunze has found her own individual way. In her complex paintings and photo art she restates present-day art appreciation, current attitudes towards the media and the human being himself, but at the same time also questioning it.

 

Many of her artworks seem to be inspired by the Renaissance, an era in which portraiture developed into the most important art form of the time. But her inspiration is generated in the awareness of what is happening right now, and from the media and fashion world. She uses analogously created images, either her own or from other sources, in original or printed form, and processes these further, digitally or with brush and paint.

 

These motifs are then subjected to numerous modifications, the artist reducing them and subsequently enshrouding them with impasto brush strokes. In her work-in-progress Kunze experiments with a clear and spontaneously drawn line applied around an almost classical-looking piece of art. Through this line the viewer is able to experience the boundary between the inner and outer worlds. Boundaries generate a binary system that defines what is inside them as their own, while everything outside is different and alien. The zone between the two worlds becomes a space formed by identity, an identity which has a double character. Furthermore the monochrome, mostly dark background accentuates the figures and highlights their individuality.

 

The visible in her finished artwork comprises a mélange of information generated by painted inputs, together with the diverse possibilities offered by digital techniques and new artistic forms of expression. Her artwork often demonstrates the return of the subject from the new to the former medium, simultaneously reflecting on what reminds us today of things of the past. However, the artist still remains very focussed on the genre of painting.

 

Through her art, Eva Kunze wants to address socially relevant issues. She reverts to subjects that deal with everyday life. In thematic work complexes such as the series VEILED - UNVEILED or in her current series IDENTITY, she explores how we experience the world itself.

 

Kunze’s artistic approach always also centers itself around a constant reflection on the medium and state of the image, on perception and vision as well as the conditions under which both are structured. Many of her, mainly female, protagonists wear a variety of masks, or mask-like creations. In this way they do not expose their whole face but keep it hidden, thus shrouding their true identity.

 

“Identity is an act of social construction. One’s individuality or that of any other person is captured in a net of prominence. The question of identity has a universal and a culturally-specific dimension. It always concerns the creation of a match between the subjective - inner - and the social - outer, meaning the creation of an individual social localization. The necessity to determine one’s own identity points towards the basic human need for recognition and belonging. It shall enable the subject, which is viewed from an anthropological perspective as a deficient being, to self place itself, to deliver an individual purpose of meaning and shall give individual self determination, and for individual needs it shall open up socially accepted means for gratification. Identity emulates a self-reflecting link between the inner and outer world. The double character of identity becomes precisely visible: On the one hand it should render visible the unique individual, whereas on the other hand, it should also show the socially acceptable individual. In this respect it always constitutes a compromise between self-will and adaptation. The problem of sameness in diversity also dominates the current theories about identity.” (Keupp, H. & Höfer, R. (1997): “Identitätsarbeit heute“, URL: www.spektrum.de/lexikon/psychologie/identitaet/6968 (Stand: 30.1.2017)

 

In the light of profound changes that have been evoked by the unleashing of digitalisation in almost all areas of life, Eva Kunze’s art is also subjected to a constant process of renewal. At present it is not the immediate reality that features in her large-sized portraits. Half real, half surreal, it is the wishes and secrets of human existence that are being portrayed as opposing identities.