Über die Kunst von Eva Kunze

Eva Kunze ist eine deutsche Künstlerin aus München, die dank ihres virtuosen Umgangs mit Farbe und Fotografie, ihren individuellen künstlerischen Weg gefunden hat. In ihrer Malerei und Fotokunst formuliert sie in komplexen Bildern das heutige Verständnis von Kunst, den Medien und den Menschen neu, und hinterfragt es.

Vor dem Hintergrund der tiefgreifenden Veränderungen, die die Digitalisierung in nahezu allen Lebensbereichen hervorgerufen hat, befindet sich auch die Kunst von Eva Kunze in einem steten Prozess der Neufindung. Aktuell steht nicht die unmittelbare Wirklichkeit im Mittelpunkt ihrer großformatigen Porträts. Halb real, halb surreal geht es um Wünsche und Geheimnisse des menschlichen Daseins in Form von konträren Identitäten.

 

Viele ihrer Gemälde erinnern an Bildnisse der Renaissance, jener Epoche, als das Porträt zur bedeutendsten malerischen Gattung aufstieg. Doch inspiriert durch die Medien- und Modewelt, kreiert sie ihre Arbeiten im Bewusstsein des aktuellen Zeitgeschehens.

In einem mehrschichtigen Schaffensprozess kombiniert die Künstlerin Malerei und Fotografie und überarbeitet Ihre Werke immer wieder. Das führt sie zu einer starken Reduktion und ihrer klaren und kraftvollen Bildaussage. Ihre serielle Arbeitsweise verstärkt den Fokus auf ihre Thematik weiterhin, und erleichtert für den Betrachter das Verständnis ihrer angestrebten künstlerische Aussage.

 

Aber wie und warum wählt Eva Kunze ihre Themen, wie "evolution der Formen", "verhüllt-enthüllt" oder "identity" aus?

"Ich arbeite immer an dem was mich gerade am meisten interessiert, was ich in der Gesellschaft erfahre und was ich empfinde", erklärt die Künstlerin. "Innen und Außen", spielen in Ihren Werken eine zentrale Rolle. Das kann man auf Materie beziehen, auf Emotionen oder auf das menschliche Bewusstsein.

2015 begann Eva Kunze mit einer neuen Werkserie und gab ihr den Titel: "Identity". Derzeit umfasst sie mittlerweile 19 Arbeiten. Sie besteht aus großen und kleinen Formaten, meist aus Malerei und einem kleineren Teil von Fotokunst. Zuvor hatte Eva Kunze im Jahr 2007 mit der Serie "verhüllt-enthüllt", die abstrakte Malerei verlassen, und sich wieder der figurativen Malweise zugewandt.

"Ich wollte weiter gehen, und nicht stehen bleiben, und hatte das Gefühl, dass meine abstrakten Bilder perfekt sind."

 

Inspiriert wurde sie dann durch einen Modekatalog einer spanischen Modefirma. "Was zeigt sie, und was zeigt sie nicht" wurde jetzt zu ihrem neuen Thema. Mit pastosen Pinselstrichen begann sie ausgewählte Motive zu überarbeiten, zu verhüllen und zu bedecken. Mit Hilfe von Bildprojektionen und Bildbearbeitung am Computer entwickelte sie eine eigene, eine zeitgenössische Maltechnik, und eroberte sich dadurch ein weiteres Feld um sich künstlerisch auszudrücken.

 

Auch in ihren laufenden Arbeiten aus der Serie "Identity" beschäftigt sich Eva Kunze mit dem Grenzraum von innerer und äußerer Welt.

"Alles dreht sich doch um die Identität. Sogar in den heutigen Kriegen, dem Islamismus und den politischen Auseinandersetzungen, geht es immer um Identität. Und somit ist das ein absolut interessantes Thema, an dem ich gerade arbeite", sagt die Künstlerin.

Sie hinterfragt was die Identität eines Menschen ausmacht, und was damit zusammen hängt. Bildet sie sich durch das Außen oder durch das Innere?

Ihre Bilder strahlen eine Konzentriertheit aus, eine Ruhe, es zieht den Betrachter geradezu in sie hinein. Andererseits entsteht auch Bewegung durch die kräftige und spontane Malerei, das ist wild, das ist gewagt. Ein Wechselspiel, was viele Fragen aufwirft und keine konkreten Antworten gibt. Ist es ein Gefühl oder ein Gedanke, das ihre porträtähnlichen Charakterstudien ausstrahlen, und was besteht zwischen dem Gefühl und dem Gedanken für eine Verbindung?

Ein Farbstrang, eine Art Schlauch, zieht sich von der Herzgegend zum Kopf. Rosarote Gebilde schweben durch den Raum.

"Die durchschimmernden Kokons, die Eva Kunze mit den blassen Farbfäden um Ihre Frauenfiguren spinnt, schützten ihre Protagonistinnen vor dem Sog bodenloser Umgebung, die aus tiefem Blau, sattem Schwarz oder samtigem Grün oder durchscheinenden Weiß besteht. Der monochrome, oft dunkle Hintergrund hebt die Figuren zudem hervor, betont Ihre Materialität, den Körper und ihre Umrisse. Ihre Erscheinung entzieht sich dennoch ihrer Körperlichkeit, mal durch die Unbestimmtheit ihrer Präsenz, mal durch ihre morbide Dynamik, vor allem aber überschreitet die Ausstrahlung der Bildprotagonisten ihre körperlichen Rahmen. Diese lösen sich auf, schreiten auf uns zu, fließen in Farbschleiern dahin.

Eva Kunze möchte den Abgebildeten im mimetischen Sinne nahe kommen oder die Abbildhaftigkeit geradezu vermeiden, weil das, was die Person ausmacht, sich am vergänglichen Äußeren nicht zeigen lässt. Der Körper fungiert hier gewissermaßen als Hülle und Rückzugsort.

Jede einzelne Frau auf den Gemälden von Eva Kunze fungiert wie ein Titelbild ihrer Erlebnisse. Jede von Ihnen umgibt eine rätselhafte Aura, die uns dazu verleitet ihre Lebensgeschichten der eigenen Phantasie zu überlassen. Die Künstlerin möchte die Geschichten hinter ihren Figuren in Schwebe lassen. Sie lässt lediglich erahnen was sich hinter der Verhüllung verbirgt." (1)

 

„Identität ist ein Akt sozialer Konstruktion: Die eigene Person oder eine andere Person wird in einem Bedeutungsnetz erfasst. Die Frage nach der Identität hat eine universelle und eine kulturell-spezifische Dimensionierung. Es geht immer um die Herstellung einer Passung zwischen dem subjektiven "Innen" und dem gesellschaftlichen "Außen", also um die Produktion einer individuellen sozialen Verortung. Die Notwendigkeit zur individuellen Identitätskonstruktion verweist auf das menschliche Grundbedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Es soll dem anthropologisch als "Mängelwesen" bestimmbaren Subjekt eine Selbstverortung ermöglichen, liefert eine individuelle Sinnbestimmung, soll den individuellen Bedürfnissen sozial akzeptable Formen der Befriedigung eröffnen. Identität bildet ein selbstreflexives Scharnier zwischen der inneren und der äußeren Welt. Genau in dieser Funktion wird der Doppelcharakter von Identität sichtbar: Sie soll einerseits das unverwechselbar Individuelle, aber auch das sozial Akzeptable darstellbar machen. Insofern stellt sie immer eine Kompromissbildung zwischen "Eigensinn" und Anpassung dar. Das Problem der "Gleichheit in der Verschiedenheit" beherrscht auch die aktuellen Identitätstheorien.“ (Keupp, H. & Höfer, R. (1997): “Identitätsarbeit heute“, URL: www.spektrum.de/lexikon/psychologie/identitaet/6968 (Stand: 30.1.2017)

 

Patrizia von Einsleben

 

(1) Tinatin Ghughunisvili-Brück

Kunsthistorikerin M.A.

About the art of Eva Kunze

Through her masterly handling of colour and her photographic skills, German artist Eva Kunze has found her own individual way. In her complex paintings and photo art art she restates present-day art appreciation, current attitudes towards the media and the human being himself, but at the same time also questioning it.

 

Many of her artworks seem to be inspired by the Renaissance, an era in which portraiture developed into the most important art form of the time. But her inspiration is generated in the awareness of what is happening right now, and from the media and fashion world. She uses analogously created images, either her own or from other sources, in original or printed form, and processes these further, digitally or with brush and paint.

 

These motifs are then subjected to numerous modifications, the artist reducing them and subsequently enshrouding them with impasto brush strokes. In her work-in-progress Kunze experiments with a clear and spontaneously drawn line applied around an almost classical-looking piece of art. Through this line the viewer is able to experience the boundary between the inner and outer worlds. Boundaries generate a binary system that defines what is inside them as their own, while everything outside is different and alien. The zone between the two worlds becomes a space formed by identity, an identity which has a double character. Furthermore the monochrome, mostly dark background accentuates the figures and highlights their individuality.

 

The visible in her finished artwork comprises a mélange of information generated by painted inputs, together with the diverse possibilities offered by digital techniques and new artistic forms of expression. Her artwork often demonstrates the return of the subject from the new to the former medium, simultaneously reflecting on what reminds us today of things of the past. However, the artist still remains very focussed on the genre of painting.

 

Through her art, Eva Kunze wants to address socially relevant issues. She reverts to subjects that deal with everyday life. In thematic work complexes such as the series VEILED - UNVEILED or in her current series IDENTITY, she explores how we experience the world itself.

 

Kunze’s artistic approach always also centers itself around a constant reflection on the medium and state of the image, on perception and vision as well as the conditions under which both are structured. Many of her, mainly female, protagonists wear a variety of masks, or mask-like creations. In this way they do not expose their whole face but keep it hidden, thus shrouding their true identity.

 

“Identity is an ‘act of social construction’: one’s individuality or that of any other person is captured in a net of prominence. The question of identity has a universal and a culturally-specific dimension. It always concerns the creation of a match between the subjective - inner - and the social - outer, meaning the creation of an individual social localization. The necessity to determine one’s own identity points towards the basic human need for recognition and belonging. It shall enable the subject, which is viewed from an anthropological perspective as a deficient being, to self place itself, to deliver an individual purpose of meaning and shall give individual self determination, and for individual needs it shall open up socially accepted means for gratification. Identity emulates a self-reflecting link between the inner and outer world. The double character of identity becomes precisely visible: On the one hand it should render visible the unique individual, whereas on the other hand, it should also show the socially acceptable individual. In this respect it always constitutes a compromise between ‘self-will’ and adaptation. The problem of ‘sameness in diversity’ also dominates the current theories about identity.” (Keupp, H. & Höfer, R. (1997): “Identitätsarbeit heute“, URL: www.spektrum.de/lexikon/psychologie/identitaet/6968 (Stand: 30.1.2017)

 

In the light of profound changes that have been evoked by the unleashing of digitalisation in almost all areas of life, Eva Kunze’s art is also subjected to a constant process of renewal. At present it is not the immediate reality that features in her large-sized portraits. Half real, half surreal, it is the wishes and secrets of human existence that are being portrayed as opposing identities.